Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Blendung einer Amazone" (Novelle)
(ISBN 978-3-941072-10-7)

AUCH NACH VIERZIG JAHREN
ist das Bild noch frisch. Sie erhält ihr Zeugnis, ist fast neunzehn und froh, endlich das Abitur zu haben. Nun ist sie Ende fünfzig. Ihren Mitschülern traute sie damals nicht. Sie waren zu sehr bestrebt, ihr Leben zu moderieren, während sie bloß leben wollte. Einfach leben, als sei die Norm die Kür und das Glück die Pflicht. Sie denkt selten an ihre Schulzeit. Ein Gemälde bringt sie dahin zurück.

Sie steht in der Londoner National Gallery. Das Bild der
Malerin Elisabeth Vigée-Lebrun aus dem Jahr 1782 zeigt die
siebenundzwanzigjährige Künstlerin und Ines sieht ihr so
ähnlich, als sei sie es, die sich verkleidet in einem Spiegel erblickt, allerdings als junge Frau.

Das Gesicht der Malerin ist natürlich. Augen und Mund zeigen, dass sie bereits Höhen und Tiefen durchlebt hat. Ines ist erstaunt, wie sehr die Dargestellte ihr ähnelt. Es ist natürlich umgekehrt, sie gleicht der Porträtierten, als sei sie über die Jahrhunderte hinweg im Bild jung geblieben.

Das Gemälde führt den Betrachter in die Irre. Denn der
jungen Elisabeth als fröhlicher, behüteter Frau entsprechen
weder Augen noch Mund. Sie drücken frühes Leid aus, in
dem sich männlich und weiblich begegnen, als bergen sie
Weibliches im Männlichen und umgekehrt.

Ines kennt sich da aus. Sie scheint oft Frau und Mann zugleich zu sein.

Solange sie der Malerin auf dem Bild noch ähnelt, war es kein Problem. Sie weiß ihre Weiblichkeit einzusetzen. So gebietet sie über eine breitere Palette, um ihre Ziele zu erreichen.

Sie trifft immer häufiger auf Frauen – meist Jüngere –, die Männliches und Weibliches so zu vereinen wissen, dass etwas Neues entsteht. Sie vermutet, die jungen Frauen seien sich des Vorgangs nicht einmal bewusst, als handele es sich mehr um einen genetischen Trick, der die Frauen da männlich sein ließ, wo es ihnen nutzte und weiblich, wo es ihnen zum Vorteil gereicht.

Sie können sich das Männliche besser zu nutze machen als Männer das Weibliche. Und der androgyne „Zug der Zeit“ benachteiligt diese genau dort, wo sie keine richtigen Männer mehr und natürlich auch keine Frauen sind, aber immer mehr zu Männern ohne Eigenschaften werden.

Die Frauen vereinsamen darüber. Ihre Sehnsucht nach der
Zeit, wo Männer nur Männer und Frauen bloß Frauen waren,
wächst mit dem Grad ihrer Einsamkeit. Gab es nicht
schon immer Frauen, die fast wie Männer aussahen?

Und dann jene, die wie Frauen aussehen und wie Männer
denken? Ihre Zahl scheint ihr zuzunehmen, als gelte es, die
Umwelt zu täuschen. Sie ahnen, warum sie mehr und mehr
allein bleiben und führen es auf die Emanzipation zurück.
Ines ist sich sicher: Indem sich die Frauen dergestalt verändern, sind sie nicht nur den Männern überlegen, sondern auch dominant ihnen gegenüber, besonders dann, wenn auch ihre Gene sich auf Dauer als geschickter erweisen sollten.

Was sollten Frauen aber gegen die Gene tun?

„Nichts“, stellt Ines fest. „Sie können nur hoffen, dass die
Männer irgendwann doch noch nachziehen. Sonst wären am Ende alle einsam und unglücklich.“ Über diesen Gedanken musste sie grinsen.

Ines hätte jetzt am liebsten einen Pub aufgesucht und sich
einen Scotch bestellt, obwohl sie den noch nicht mochte.
Da müssten ihre Gene erst noch ganze Arbeit leisten.

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