Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Requiem auf eine Hand" (Erzählungen)
(ISBN 978-3-941072-12-1)

Seite 9:

Die Freude, entdeckt zu haben. Das Forscherglück. Des
Jägers. Meines. Ich hielt einen Brief in Händen. Gutes, al-
tes, dickes Papier. Die Feder konnte leicht in das Papier ein-
dringen. Mit der Tinte, die eine nun neue Wahrheit in die
Welt kratzte. Die sie zwar nicht veränderte, aber dem
Narzissmus des Forschers frönte. Der Sehnsucht nach fünf-
zehn Minuten Unsterblichkeit. Die auch länger anhalten
konnte, Tage, Monate, als Meldung in Zeitungen, Fach-
blättern, in Universitätsseminaren, auf wissenschaftlichen
Kongressen: Lorenzo da Ponte hatte für Wolfgang Amadeus
Mozart ein weiteres Libretto geschrieben! Nach „Hochzeit
des Figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ nun
„Requiem auf eine Hand“.
Kein Requiem, wie es der Titel besagt, sondern eine Oper,
surreal, wie viel später etwa Dimitri Schostakowitschs „Die
Nase“ nach Nikolai Gogol. Und kein geringerer als Casa-
nova bestätigte dies, der Brief liegt in meinen Händen. Ich
lese ihn eins ums andere Mal.

Seite 41:

Er hatte wieder geflucht. Obwohl es sein fluchfreier Tag war
oder hätte werden sollen. Jetzt musste er auch den näch-
sten Tag noch dranhängen. Konnte er nicht einen Tag oh-
ne leben, hätte er jetzt nur zu gerne geflucht, ohne darun-
ter zu leiden wie ein Süchtiger ohne Stoff? Es hatte sich ge
bessert, vor allem, seit er begonnen hatte zu fotografieren.
Das Blässhuhn, der Haubentaucher, alle Enten und Hühner
dieser Welt waren sein Ersatzstoff.
Doch selbst hier kreierte sein Leben noch so manchen
Fluch, weil er sich beispielsweise bewegt hatte, und das
Blässhuhn auf dem Teich es bemerkt.
Es flog weg, so plötzlich wie sein Zucken. Natürlich schoss
er dem Tier fotografische Salven hinterher, vielleicht war
ja etwas Brauchbares dabei. Doch auf dem Teich hätte er
das Tier nicht auf der Flucht fotografiert, sondern im Frie-
den. Ihn suchte er. Er war seine Hoffnung und Vorfreude.
Durch sein Zucken hatte er ihn gestört.
Das Fluchen war für ihn mehr als eine liebe Gewohnheit,
war seelischer Ausdruck, gelebtes Leben. In ihm spürte er
sich wie der Glücksspieler beim Roulette, wenn endlich die
Kugel rollt und er hoch gesetzt hat. So sehr er sein Laster
liebte, so sehr strafte er sich dafür, wenn er ihm wieder ge
frönt hatte.
Denn es bedeutete einen weiteren fluchfreien Tag.
Dasselbe Theater begänne also wieder, statt frisch und frei
morgen den ganzen Tag über herzhaft zu fluchen.

Seite 72:

Irgendwann wird er seine Themen abgearbeitet haben. Und
die Bücher liegen dann vor ihm auf dem Tisch, er ordnet
sie in seine Bibliothek ein und das war es dann.
Es sind noch mindestens acht Bücher, die er unbedingt
schreiben will. Danach kann er tun und lassen was er will.
Schreibt er nur das, wozu er dann vielleicht noch Lust hat.
Die ihm „auferlegten“ Bücher hat er hinter sich und damit
auch weitgehend sein Leben.
Er ist dann vielleicht fünfundsiebzig Jahre alt. Danach
setzt eine Spielphase ein, in der er mit den Texten frei jon
gliert oder sie besonders streng anordnet. Er weiß es nicht.
Das wird das Überraschende daran. Vielleicht hört er auch
zu Schreiben auf und trinkt nur noch Wein.
Was macht er, wenn er bereits mit 65 fertig ist, alle acht
Bände eingeordnet sind? Kommen neue Themen, und al-
les ginge weiter wie bisher? Oder plant er bereits während-
dessen schon weitere, ohne die er seine Arbeit nicht abschließen zu können glaubt? Dann gäbe es nie diese freie Phase, nur noch spielerisch zu schreiben, so sicher und frei, wie ein Kind malt oder wie ein alt gewordener Schriftsteller.

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