Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Ein Piano im Garten" (Erzählung)
(ISBN 978-3-941072-15-2)

Seite 47:
Max wusste bei seiner Flasche Lynch-Bages nicht, wollte er von Verdun wieder weg oder nicht? Immerhin saß er wieder im Sessel in seinem Zimmer. Manchmal legte er sich hin. Dem Wein zu Ehren wollte er aber unbedingt sitzen.
Seine lange Reise, er spürte es, verlief auf neuen Koordinaten, abseits der alten Laufwege. Er wusste zwar nicht, wohin die Reise ging, doch gerade davor fürchtete er sich. War das das beginnende Alter? Bisher hatte er sich nie vor einem Aufbruch gefürchtet. Weder in Amerika noch in Europa. Doch er spürte, dass er es diesmal nicht mit Kontinenten oder Ländern zu tun hatte, sondern mit etwas Unbestimmten, das er nicht kontrollieren konnte. Verdun und die Schlachtfelder hatten von ihm Besitz ergriffen und dies gegen seinen Willen. Neulich vor dem Beinhaus, erkannte Max beim Wein, hatte sich etwas in ihm verändert. Der Nebel, die Düsternis des Orts, der Soldatenfriedhof, das hässliche
und drohende Ossuaire von Douaumont, all dies hatte ihn
wie ein Schuss getroffen. Kam es, weil er da schon krank war oder kam die Krankheit, weil ihn der Ort des Gedenkens krank gemacht hatte? Max entschied sich für das Letztere, je weiter er die Flasche leerte. Als er den letzten Schluck nahm, war er sich sicher: Das Beinhaus hielt ihn in einem Bann.

Seite 52:

Am dreißigsten Juli 2013 abends betrat der Komponist Friedrich
den Perron von Verdun. Im Gepäck hatte er auch einen
Kompositionsauftrag. Anlässlich der Einhundertsten Wiederkehr
des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sollte er ein Stück für großes
Orchester schreiben. Er war spät damit dran, die Zeit
drängte, denn er war, markttechnisch gesehen, „dritte Wahl“ sozusagen,
eigentlich sogar zehnte.
Der berühmte Komponist, der für solche Anlässe stets gebucht
wurde, hatte überraschend wegen Arbeitsüberlastung abgesagt.
Drei Opernaufträge und vier große Orchesterstücke füllten sein
Auftragsbuch, die Kammermusik nicht mitgerechnet. Dazu versah
er noch eine Professur und viele Zusatz- und Ehrenämter.
Trotz der vielen Schüler, die schließlich manches abnehmen
konnten, wurde es selbst ihm zu viel.
Er bedauerte dies, da er gern sehr laut komponierte, aber es ging
einfach nicht, da die Opernaufträge rechtzeitig kamen, die Politik
aber erst sehr spät auf die Idee eines großen Orchesterwerkes
gekommen war.
Der Zweite, der im Ranking dran war und sich selbst natürlich
als der Erste gesehen hätte, verstarb unerwartet. Auch der Dritte
verstarb. Der Vierte lag krank darnieder und konnte nicht mehr.
So war man auf ihn gekommen, der eigentlich noch lange nicht
an der Reihe gewesen wäre, einfach, weil er der Jüngste unter
den Alten war.
Die Zeit war verdammt knapp, niemand außer ihm hätte da
noch angenommen.

Seite 84:

Christian fiel sogleich die Stille in den Wäldern vor Verdun auf.
Eine ungeheure Stille lag über den Schlachtfeldern. Eine Ruhe,
die selbst die Vögel nicht brechen konnten. Ihr Gezwitscher betonte
sie gar noch. Als habe der Schlachtenlärm alles vorweggenommen,
und die Ruhe sei nun das Ergebnis des einstmals
zu großen Lärms: Er war aufgebraucht, nun regierte die Stille.
Er war nach Verdun gekommen, um eine Klassenfahrt vorzubereiten.
Es war sonst nicht seine Art, sich den Ort vorher anzusehen.
Doch diesmal sah er es anders. Hier schien Vorsicht
angebracht. Er wollte nicht der Idiot sein, der händeringend seinen
Schülern klarzumachen versucht, sie seien nicht in einem
Spaßbad, sondern auf einem Gelände, auf das sich die Tragik
des 20. Jahrhunderts begründete.
Er wollte wissen, worauf er zu achten habe, wie er die Schüler
gewinnen, sie interessieren könne, damit sie sich nicht wie Idioten
verhielten.
Da er ohnehin auf dem Rückweg von einem Kurzurlaub in Paris
war, legte er hier einen Zwischenstopp ein. Verdun lag auf dem
Weg und Christian wollte auch einige Zeichnungen machen. Er
war noch nie in Verdun gewesen. Er dachte, das sei vielleicht
eine zeichnerische Herausforderung.
Er hatte sich in der Innenstadt eingemietet. Das Hotel hatte seine
gute Zeit gehabt, sein Restaurant war lange mit einem Michelin-
Stern ausgezeichnet gewesen. Jetzt galt es laut der Internetkommentare
als etwas heruntergekommen, aber für eine Nacht
mochte es gehen.

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