Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Adornos Nachbar" (Erzählung)
(ISBN 978-3-941072-16-9)

Es gab aber auch die Momente, wo er dazu gehörte, sich aber
nicht zugehörig empfand.
Wenn sein Bruder mit dem Handtuch eine Wespe an der Glasscheibe
gefangen hielt, um sie dann langsam und genüsslich zu
zerquetschen.
Franz sah der Tötung zu. Ein Gefühl sagte ihm, habe Mitleid,
ein anderes, die frisst unsere Marmelade auf. Ein Drittes, das ist
nicht gut, was mein Bruder da macht. Ein Viertes, so sieht es also
aus, wenn der andere viel, viel schwächer ist als du.
Das grausame Lächeln, das sein Bruder hatte, als er immer fester
das Tuch gegen die Wespe und gegen das Glas drückte,
dünkte ihm als Ausdruck von Macht und Ohnmacht zugleich.
Wenig später sah er das hilflose Lächeln des großen Bruders,
weil er für irgendetwas geschimpft wurde. Die Eltern waren
keine Wespen, die er hätte zerdrücken können.
Als sein Bruder die Wespe tötete, wusste Franz, das wollte er
nicht tun.
Er hatte wenig Mitleid mit Wespen, die er gar nicht mochte,
da sie ständig in den Marmeladengläsern waren, wo sie der Bruder
dann mit der Gabel zerdrückte, aber er sah auch ihre Hilflosigkeit.
Die Wespe war in diesem Moment das einsamste
Wesen auf der Welt. Sie starb einen Tod, die seinem Bruder zu
einer kleinen grimmen Lust diente, die sich für anderes rächte.
Ähnlich erging es ihm mit einem Regenwurm, der von vielen
Ameisen getötet wurde, die ihn bei lebendigem Leib schon in
mehrere Stücke zerlegt hatten und abtransportierten. Das Zucken
des armen Wurms rührte Franz so, dass er in unbändiger
Wut über so viel Gemeinheit alle Ameisen tottrampelte.
Danach hatte er Schuldgefühle, weil er so viele Ameisen getötet
hatte, was dem todwunden Wurm nun auch nicht mehr
half. Franz hätte einfach früher da sein müssen!


[ weitere Leseproben ]    [ Online-Buchbestellung ]    [ Zur Startseite ]