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eine kurze Leseprobe von "Camilla auf meinen Füßen" (Erzählung)
(ISBN 978-3-939939-03-0)

Der alte Fuchs

Er sprach an diesem Abend oft in Halbsätzen. Konnte es sich leisten, wusste und genoss es.
Lehnte sich manchmal zurück, an die Lehne des Stuhls gedrückt, neben seinem Lektor, den er freundlich gönnerhaft dirigierte, leicht befehligte. Aber ganz freundschaftlich, ganz sanft, mit einem „der Herr Doktor hat diesmal wieder“ oder „wie der Herr Doktor sagt“.
Niemand würde ihm beikommen. War mit seinen sieben-
undachtzig Jahren noch frisch, agil, geistig parat und dennoch im „Heiligen Land“ angekommen.
Eine Instanz, die für sich sprach. Die man noch einmal sehen, hören, erleben wollte. Wer weiß, vielleicht würde er das nächste Jahr zur Buchmesse schon nicht mehr dabei sein.
So hatte alles ein wenig von Abschied, einer gegenseitigen Verbeugung von Autor und Publikum, und das barocke Schlösschen im Park bot hierfür den perfekten Rahmen.
Nicht viele Zeugen passten in den Saal, etwas über hundert. Wer nicht rechtzeitig seine Karte gekauft hatte, der blieb draußen. Die Anderen aber durften sich wie Auserwählte fühlen, die Zeugen eines außerordentlichen Vorgangs wurden, dem möglichen Abgang eines Monuments der Literatur, und man wäre dabei gewesen.
Vielleicht residierte er jedoch auch im nächsten Jahr wieder in dem kleinen Schloss. Wie stets, wenn er zur Buchmesse kam. Dies war sein Ort, sein Schloss, er war der Hausherr, es war sein Empfangstag.
War kein Klopstock, der hier einst als Hauslehrer in einem Zimmerchen hauste, hatte Macht, genoss sie.
Nach der Lesung spielten sich Lektor und Autor die Bälle zu, leichtfüßig, elegant, ein richtiges Tiki-Taka, ein eingespieltes Team.
Der Autor genoss den Abend sichtlich. Hatte ein Heimspiel, war der Trainer einer erfolgreichen Mannschaft, die ihn als einzigen Spieler aufbot.
War eine Marke, eine Weltmarke, hätte auch Bundespräsident werden können. Doch dafür polarisierte er zu viel. Nein, das wäre doch nicht gegangen.
So beließ er es bei Halbsätzen, die sich die Zuhörer bitte schön selbst ergänzen mochten, schließlich war er alt, musste mit seiner Kraft haushalten. Und wer in Halbsätzen sprechen kann, der hatte es geschafft.
Er hatte es geschafft, sein Leben gemeistert. Begleitete sich nun auf den letzten Metern, sah sich zu, lächelte sanft.
Und siehe, es ward gut.
Es wurde öfter gelacht an diesem Abend. Die Zeit der Kämpfe, der Anklagen, der gegenseitigen Beschimpfungen lagen hinter ihm.
Er war zwar ein alter Autoreifen, hatte aber noch genug Profil.
Kam noch nicht auf die Halde, bestimmte allein über seinen Abgang, würde ihn perfekt inszenieren.
Bot seinen Feinden keine Angriffsfläche mehr, war ein sympathischer alter Herr, der Güte verströmte, den man mögen musste, der allen Feinden signalisierte: „Haltet den Ball flach, ich habe bereits gewonnen.“
Sein Abgang nach dem herzlichen Applaus geriet ein wenig steif und vornübergebeugt. Da blitzte kurz das Alter auf. Verließ er für den Moment die Schutzzone, die er geworden war, wenn er saß, sich zurücklehnte,
sein Publikum sanft tätschelte mit einer gütigen Hand.
Am Signiertisch saß er zum Schluss allein da.
Ganz für sich. Eine Sphinx, deren Gedanken man nicht lesen konnte und die man, bitte sehr, auch nicht mehr stören wollte.


Doktor Tausendschön

Alle Mitarbeiter der Kieferorthopädiepraxis trugen perfekte weiße Arbeitskleidung. Das ist zwar normal in Zahnarzt-
praxen, aber hier schien es Maßkleidung zu sein, so unerreichbar perfekt schienen ihr diese Menschen. Stets lächelnd, mit sehr weißen Zähnen. Doch Dr. Tausendschön, der jung gebliebene, bald fünfzigjährige Chef der Praxis überstrahlte sie alle.
Er war Zenit und Kosmos der Praxis, umgeben von schönen, sehr schlanken Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
„Alles ist hier so perfekt“, dachte sie, „ich fühle mich zu dick und schmutzig, dabei komme ich doch gerade aus der Dusche.“
Wenn Dr. Tausendschön dann noch sein strahlendes Lächeln verschenkte, fühlte sie sich wie eine Schülerin mit einer Zahnspange, die gerade Mamis idealen Schwiegersohn anlächelte.
Wegen einer Zahnspange waren sie hier, der Sohn trug eine, und es war nur ein schwacher Trost, dass er von seinem Behandlungsstuhl aus in einen schönen Garten blicken durfte.
Stets musste etwas an der Spange nachgestellt werden, sie kamen oft, und die jeweils zehn Minuten Behandlungs-
zeit führten stets zu einer Rechnung über dreihundertfünfzig Euro. Fast einen Meter lang war wohl die Reihe der Spangen, die der Sohn im Laufe der Jahre eingepasst bekam. Er würde den Garten zu allen Jahreszeiten kennenlernen.
Heute fühlte sie sich diesen schönen Menschen gegenüber, besonders im Nachteil, die hier zu Hause zu sein schienen. Sie selbst war schlank, doch gegen diese weißgekleideten jungen Leute, die lautlos und lächelnd durch die Räume glitten, als schwebten sie über dem Parkett, fühlte sie sich dick.
Nur Dr. Tausendschön war etwas älter als sie, aber er bewohnte eine andere Welt.
Ein Zahn des Sohnes wuchs zu hoch aus dem Kiefer heraus und musste gezähmt werden, eine Operation stand bevor. Dr. Tausendschön lächelte.
Warum er nicht schon vor drei Wochen davon gesprochen habe, wollte sie wissen.
Schließlich waren da gerade neue Röntgenaufnahmen gemacht worden.
„Ich weiß das schon seit zwei Jahren“, gab Dr. Tausendschön zur Antwort und lächelte.
Dennoch fiel ihr auf, dass alle nervös geworden waren, als das mit dem wildwachsenden Zahn herauskam, nachdem sie die Ärzte erst auf das Problem aufmerksam gemacht hatte.
„Hier stimmt etwas nicht“, dachte sie, „die kochen nur mit lauwarmem Wasser.“
Dennoch beschloss sie, sich gleich eine neue weiße Hose zu kaufen.


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