Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Luther Luther?" (Erzählung)
(ISBN 978-3-939939-04-7)

II.

Seit ihrer Sache mit der nächtlichen Autofahrt war sie vorsichtiger
geworden. Mit allem. In allem. Und wie Helmut
Kohl den Namen des Parteigeldspenders nicht nennen
wollte, würde sie denjenigen ihres damaligen Mitfahrers
auch nicht nennen. Nie. Da konnte sich die Herde der
Journalisten sicher sein.
Doch die Geschichte hatte sie auf Jahre hin zu Luther
geführt. Vielleicht war es eine Strafexpedition, aber sie
bereitete schließlich eine Art von Luther-Olympiade vor,
einer Fußball-WM gleich, so viele Fanartikel, so viele
Devotionalien, so viel Unsinn wurde da produziert und
verkauft. Es war ein Vielmillionengeschäft, eine Glaubensschlacht,
eine Suche nach Luther und eine nach dem
großen Geld. Sie war der Turm in der Kampagne, der
Fels, die Kapitänin, die eine große Mannschaft hinter sich
wusste, über Jahre hinweg. Eigentlich hatte sie ein gutes
Geschäft gemacht. Sie war der Star hinter Luther, der ihr
den Weg frei machte. Sie konnte zufrieden sein. Sie diente
einer Sache und Luther diente ihr. Vielleicht bedauerte sie
ihre nächtliche Fahrt schon nicht mehr.
Jedes Jahr hatte seine Aufgabe, Luther so einzurüsten, dass
er am Ende rund herum ein tapferes Herz besaß. Er war
einer, den man über die Jahre hinweg als einen Rohdiamanten
so geschliffen hatte, dass er glatt war, schnittig
und hart zugleich. Und sie trug dazu bei. Ein ganzes Jahr
beschäftigte man sich beispielsweise intensiv mit Luthers
Antisemitismus. 2017 war das alles ausgestanden. Im
Jubeljahr sah man einen „reinen“ Kämpfer gegen den Ungeist
seiner Zeit. Die Jahre zuvor hatte man sich an Luther
abgearbeitet. Nun kamen seine Spiele. Sein Festival. Seine
Show. Ihr Jahr und seines. Sie waren ein gutes Team. Das
kostete Kraft. Aber auch sie war eine Kämpferin. Sie beide
würden es schaffen.
Seit sie ihren neuen wissenschaftlichen Berater in Lutherfragen
bekommen hatte, war sie sich sicher: Den Burschen
würde man hinbekommen. Jahr um Jahr. Sie war stark
beindruckt von Dr. Latwerg (ER), der sich bestens eingeführt
hatte, die entscheidenden Hinweise gab, wenn
etwas stockte, der über eine erstaunlich profunde Lutherkenntnis
verfügte, dem alles leicht von der Hand ging.
Und: der sie aufmunterte, wenn sie einmal schwer
beladen daherkam, denn auf ihre Schultern drückte kein
geringerer als Luther selbst.
Dr. Latwerg aber ist ein smarter Typ. Demnächst hat sie
mit ihm eine Autofahrt, diesmal jedoch dienstlich.

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