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eine kurze Leseprobe von "Versuch, seinen Autor zu treffen" (Erzählung)
(ISBN 978-3-939939-03-0)

I. Der Unzufriedene

Woldemar von Stechlin war mit Theodor Fontane unzufrieden. Sehr sogar.
Der liess ihm keine Wahl. Er musste Armgard heiraten. Weil es sein Autor
so wollte. Niemand hatte ihn, Woldemar, gefragt.
Sonst könnte er sich genau so gut für Melusine entscheiden.
Doch er durfte nicht frei wählen. Fontane entschied sich für Armgard.
Nachdem es lange so ausgesehen hatte, dass er Melusine den Vorrang geben würde.
Solange machte Woldemar die Geschichte richtig Spaß.
Er hatte die Damen an der Angel, seine künftigen Schwiegereltern schätzten ihn.
Er lebte in der Lust, frei entscheiden zu können: Melusine oder Armgard.
Für beide sprach viel. Melusine ist extrovertiert, schlagfertig, geistreich, gewandt.
Sie ist schön und reich. Was wie Kitsch klingt.
Aber eine moderne Frau, was ihren Geist anbelangt.
Ihre Schwester Armgard ist mehr im tradierten Rollenbild zu Hause.
Um die zehn Jahre jünger, also gebärfähiger, sanfter, anpassungsfähig, eine, die nicht unbedingt in Berlin leben musste, sondern auch auf sein Landgut mitging.
Das war ihm recht und auch wieder nicht.
Mit Melusine hieße sein Wohnort Berlin. Doch bedeutete dies, sich Melusine anzupassen, den Weg ihrer geistreichen Gedankenblitze zu begleiten, ein Großstädter zu werden, weg vom märkischen Junkertum.
Hin zu einer verfeinerten Lebenskultur, jenseits der Armee.
"Vielleicht würde ich Schriftsteller werden."
So blieb er ein etwas zurückhaltender Mittdreißiger, der seine Entwicklung abgeschlossen hatte und aufs Land ging. Als ein liberaler Junker oder aber auch nicht. Armgard würde sich stets anpassen. Sie war ein Engel.
Aber wollte er einen Engel?
Fontane hatte über ihn entschieden und Woldemar war mit seiner Rolle nicht glücklich. Brauchte Zeit für eine Selbsterkundung.
Er musste mit dem Alten sprechen.

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