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eine kurze Leseprobe von "Lippe geleckt" (Bühnenstück)
(ISBN 978-3-941072-22-0)

PROFESSORIN:
In zwei Sätzen, was treibt Sie zur Bühne?
CHRIS:
Ich weiß nicht...
PROFESSORIN:
Erster Satz, immerhin ehrlich.
CHRIS:
Spielen, raus aus meiner Welt oder so was...
KOSSBERG:
Haben Sie schon an anderen Schulen vorgesprochen?
CHRIS:
Und ob.
KOSSBERG:
Was haben Sie vorbereitet?
CHRIS:
(Chris steht auf, sehr laut)
„Mir ekelt" ...
KOSSBERG:
Was?
CHRIS:
„Mir ekelt" ...
KOSSBERG:
Wie bitte?
CHRIS:
„Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum" ...
PROFESSORIN:
Karl Moor, Herr Kollege, Erster Akt, die Räuber, Schiller,
der Monolog von Karl Moor.
KOSSBERG:
Oh, das war schon Kunst, verstehe, klang so natürlich.
Wenn es Sie ekelt, gehen Sie doch bitte auf die Bühne.
(Man schmunzelt. Chris auf die Bühne)
PROFESSORIN:
Ganz ruhig, erst mal tief durchatmen.
CHRIS:
(laut) „Mir ekelt" ...
KOSSBERG:
(Unterbricht) Stopp! Langsam. Wir müssen die Situation klären.
Sie ekeln sich?
CHRIS:
Ja, wieso...
KOSSBERG:
Wissen Sie was ein Säculum ist?
CHRIS:
Das ist lateinisch...
KOSSBERG:
Ach so, na gut. Karl Moor ekelt sich vor einem Jahrhundert! Sie ekeln sich
bestenfalls vor einem Glas Buttermilch. Kein physischer Ekel, ein ideeller Ekel also. Fangen Sie noch mal an. Ein ideeller Ekel.
(Spielt vor)
„Säculum ... tintenklecksendes Säculum" ... Ich will ein Jahrhundert voller
Tintenkleckse sehen! Ein wunderbares Bild. Ein Jahrhundert voller Tintenkleckse.
Es hat sich nichts geändert.
CHRIS:
„...wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen" ..
KOSSBERG:
„Mir ekelt" ... Von Anfang an, bitte.
CHRIS:
(Spielt Kossberg nach)
„Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum, wenn ich in meinem
Plutarch lese von großen Menschen" ...
KOSSBERG:
(Flüstert) Gut.
CHRIS:
Was?
KOSSBERG:
Weiter, weiter...
CHRIS:
„Der lohe Lichtfunke Prometheus´ ist ausgebrannt, dafür nimmt man itzt die Flamme von Bärlappenmehl - Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet.
Da krabbeln sie nun wie die Ratten auf der Keule des Herkules" ...
PROFESSORIN:
Atmen! Sie dürfen ruhig mal atmen, auch Karl Moor atmet.
CHRIS:
Danke. „Da krabbeln sie nun wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei,
das er in seinen Hoden geführt hat?"
Wie bitte?
KOSSBERG:
Wir haben nichts gesagt.
PROFESSORIN:
Atmen, atmen.
CHRIS:
Von wo?
PROFESSORIN:
Von den Hoden.
CHRIS:
Wie? Ach so „...was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat?
Ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen
Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Kollegium über die Kraft, Kerls,
die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln
über die Taktik des Hannibals. Schöner Preis für euren Schweiß in der
Feldschlacht, dass ihr jetzt in Gymnasien lebet"...
KOSSBERG:
Wo?
CHRIS:
In Gymnasien
KOSSBERG:
Ist das ein Land?
CHRIS:
Wie?
KOSSBERG:
Sie sprechen das wie Tunesien! (Spielt es vor)
„...dass ihr jetzt in Gymnasien lebet!"...
Da muss alle Verachtung rein, Karl bäumt sich gegen die verkommenen
Institutionen feudaler Aristokratie auf, machen Sie das deutlich:
„Gymnasien!" Also, noch mal, aber mit Hass. Sie waren doch Gymnasiast,
jetzt können Sie sich einrbringen!
CHRIS:
(Voller Hass) „...Schöner Preis für euren Schweiß" ...
KOSSBERG:
(Parodiert rhythmisch) „...Schöner Preis für Euren Schweiß"...
Das ist kein Reim.
PROFESSORIN:
„Wer baggert so spät im Baggerloch? Es ist der Bagger, er baggert noch!"
KOSSBERG:
„Pfeift der Sturm, keift der Wurm. Heulen Eulen hoch vom Turm."
Verstehen Sie, was ich meine? Lesen Sie metrische Matrix bei Mörike.
CHRIS:
Wo?
KOSSBERG:
Bei Mörike. Gehen Sie auf den Inhalt!
CHRIS:
„Schöner Preis für Euren Schweiß in der Feldschlacht, dass ihr jetzt in
Gymnasien lebet und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen"...
PROFESSORIN:
Atmen! Kraft sammeln und jetzt, mit aller Verachtung:
„...in einem Bücherriemen"...
KOSSBERG:
„Bücherriemen." Schiller transportiert seine tiefe Verachtung, des
verkommenen, feudalen Bildungsbetriebs über die großartige
Metapher Bücherriemen!
CHRIS:
Verstehe.
KOSSBERG:
Also, dann zeigen Sie es uns. „ Eure Unsterblichkeit in einem"...
PROFESSORIN:
Jetzt atmen.
KOSSBERG:
„Bücherriemen."
CHRIS:
„...mühsam fortgeschleppt wird. Pfui! Pfui, über das schlappe Kastratenjahrhundert"...
KOSSBERG:
Gut,gut. Stopp! Alles zu sehr auf einem Ton, ohne Zwischentöne. Leeres Pathos.
Wo bleibt Ihre innere Anarchie? Aber bitte, nur meine Meinung.
Versuchen Sie jetzt das Gegenteil, nehmen Sie sich zurück, ohne Dampf, von innen. Minimalistisch. Karl Moor ist am Ende, niedergeschlagen, depressiv.
Er hat erkannt, wie sehr er sich an der Welt versündigt.
CHRIS:
Das kommt am Schluss, in dem Monolog ist Karl total sauer.
PROFESSORIN:
Der Junge hat recht...
KOSSBERG:
Eine Frage der szenischen Behauptung. Jetzt bitte nicht zerreden,
noch mal, aber wirklich von innen!
PROFESSORIN:
Und atmen, Schätzchen, atmen.
CHRIS:
(Düster, minimalistisch))
„Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum", so ein Ekel?
KOSSBERG:
Ja, ja, ja, weiter!
CHRIS:
„...wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen. Der lohe
Lichtfunke Prometheus´ist ausgebrannt, dafür nimmt man itzt die
Flamme von Bärlappenmehl-Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet"...
KOSSBERG:
Zeit, Zeit, Zeit. „Theaterfeuer". Ein neuer Gedanke.
Stellen Sie ihn her! Ein Bruch.
CHRIS:
Ein Bruch?
PROFESSORIN:
Ein gedanklicher Bruch.
KOSSBERG:
„Theaterfeuer". Zackbumm. Ein Bruch. Neuer Gedanke, Bruch,
Zackbumm, und weiter geht's. „Bärlappenmehl-Theaterfeuer,
das keine Pfeife Tabak anzündet"... Ganz einfach. Sie müssen es nur
denken. Also, ganz einfach...
CHRIS:
„...Da krabbeln Sie nun wie die Ratten auf der Keule des Herkules,
und studieren sich das Mark aus dem Schädel"...
KOSSBERG:
Ein wunderbarer Text...


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