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eine kurze Leseprobe von "Der eiserne Hain" (Roman)
(ISBN 3-9804715-9-4)

Er dachte an Chopin, der, so sagte man, nichts als ein wenig Ei und Spinat zu sich genommen habe.

Plötzlich empfand Rayski einen Unwillen gegen die Orgelmusik. Sie war provozierend rein, an geweihtem Ort, mit sogar noch andächtig hüstelnden Zuhörern. Er wusste nicht, ob die Erfüllung seines Ideals nicht einer freiwilligen Grablegung glich, wo der Verstorbene verzweifelt mit dem Sargdeckel rang? Klappte er ihn zu, war es ihm zu dunkel, drückte er ihn hoch, zog es ins Gebein. Was also wollte er?

Konnte er nicht einfach die Musik genießen? Würde das Chopinsche Ei ihm nicht sauer aufstoßen und der Spinat der Kindheit seinen Tribut fordern, kurz, würde er sich nicht erbrechen müssen bei dieser Art von kulinarischer Zusammenstellung, die sein Leben ausmachen sollte?

Spinat und Ei! Aß denn Chopin nicht vielleicht des Nachts heimlich Schinken, um sich für den nächsten Spinattag zu stärken? Oder war Chopin vielleicht daran gestorben, dass er es nicht länger hatte ertragen können, sich auf Ei und Spinat zu beschränken, um vor der Welt und in ihr rein zu sein?

Wenn sich die Reinheit Chopins sogar bis auf das hin erstreckte, was er zu sich nahm, wenn Ei und ein wenig Spinat das Eintrittsbillett für den Pamass waren, dann konnte er, Rayski, gleich zur Schinkensemmel greifen, sofern er das Geld dafür besaß.

Mit welchem Recht schrieb ihm Chopin sogar noch vor, was er zu essen hatte? Musste man gleich ein Rossini werden, wenn man eine anständige Mahlzeit zu schätzen wusste? Vielleicht speicherte Chopin ja den Spinat in seinen Backentaschen und spie ihn wieder aus, sobald er alleine war? Herrgott, er wollte doch rein sein! Wenn dies aber nur über die Reinheit äußerster Askese führte, dann war er, Rayski machte sich nichts vor, gezwungen, wie Chopin früh zu sterben.

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