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eine kurze Leseprobe von "Welt der Spiegel" (Erzählung)
(ISBN 3-9804715-5-1)

Im Garten

Midas erblickte "Nimrod". Er dachte sogleich an einige Walderlebnisse aus der letzten Zeit. Wo er als Wanderer ein Sausen hinter sich in der Luft vernommen hatte und dachte, so könnten leichte Kriegsgeschosse im 1. Weltkrieg geklungen haben, und gerade noch im letzten Moment instinktiv hatte zur Seite springen können.

Dann waren Krieger auf Bikes, gleich dem eines "Nimrod", an ihm vorbeigezischt. Mit schmerz- und hasserfüllten Gesichtern, wie es ihm schien. Sie zogen in einen Krieg, dachte Midas erschrocken. In den, welche die Freizeitindustrien anbefohlen hatten, und in den sie, mit Sturzhelmen, Spezialausrüstungen und in zunehmendem Maße mit aufgepackten Mehrfachmotorisierungen auf speziellen Autoaufbauten zogen, denen als bigotter Gipfelpunkt auch noch Fahrräder beigemischt waren.

So fuhren die Freizeitkämpfer in ihren Trainwagen als Freiwillige einer Freizeitarmee, die hasserfüllt -auf sich, auf die Familie und auf die ganze Menschheit- in Freizeitkriege zogen, damit sich endlich ein Ende abzeichnete, der Freizeittod, der sinnvollste, den der einzelne noch erleiden konnte, als Alternative zu Bürotod, Arbeitsunfall, ernährungsbedingtem Herztod oder der Nichtbeförderung.

Demnächst sähe Midas auf Camping-Bussen noch den Heim-Trainer in Gestalt eines weiteren Fahrrades stehen. Doch die manchmal sogar beim Radeln zeitungslesenden Heimradfahrer in deutschen Bädern, auf Balkonen, in ausgebauten Waschküchen neben den schon etwas in die Jahre gekommenen Partykellern waren ein weiteres Kapitel, das Midas bloß im Angesicht "Nimrods" für den Moment nicht interessierte.

Der Hass in den Gesichtern der Radfahrer hatte Midas erschreckt. Hasserfüllt hatte nun auch er den Kerlen nachgeblickt, die ihn glatt überfahren hätten, wäre er nicht beiseite gesprungen. Schließlich war Midas fluchend weitergegangen. Selbst der durch die gefährliche Abfahrt bedingte Schrecken in den Gesichtern der Bikefahrer hatte Midas nicht gerührt. Selbst noch ihr Schreck dünkte ihm das Privileg von Satten zu sein, die den Hunger suchten, ohne ihn ertragen lernen zu wollen.

Auch am Sonntag zuvor, auf einem ausdrücklich als Fußweg ausgewiesenen Spazierweg am Rhein entlang, erlebte Midas das Gleiche. Mehr Radfahrer als Spaziergänger machten den Gang auf dem schmalen Weg zu einem freizeitlichen Kriegserlebnis. Die Beschimpfungen beider Parteien steigerten sich bis hin zu Anrempelungen und ersten Schlägereien. Auch im Fußgänger entlud sich plötzlich ein Hass auf die Radfahrer, die ihm die Möglichkeit, als Fußgänger unbehelligt in der Natur zu existieren, nahmen.

Nur noch in Wohnung, Büroturm, Toilette, Konzertsaal oder im Museum blieb er vor ihnen geschützt. Noch, sagte sich Midas. Die Museumspädagogik findet auch noch zum Radfahrer und umgekehrt. Alle hatten wieder einen Feind, dachte er.

Aber, dachte Midas auch, wo der Freizeittod den "Heldentod" der Weltkriege ersetzte, blieb der Freizeitkrieger auf ewig ein Freiwilliger, der immer aufs Neue in den Krieg zieht, ohne daraus zu lernen. Dessen Ausrüstung sich immer weiter vervollkommnete. Der immer belesener hinsichtlich seiner Freizeit und der Angebote dafür wurde, und der die Vervollkommnung der Datenbanksysteme zu Vernetzungen seines touristischen Bewusstseins nutzte, das in den Krieg will, heute in den der Freizeit, koste es was es wolle.

Midas aber blieb nur eine Wut, ob er sie sich nun wünschte oder nicht. Am liebsten hätte er "Nimrod" am Lenker gepackt und zu Boden geschleudert. Statt dessen fragte er Hannes höflich nach dem gerade stattgefundenen Einsatz "Nimrods" und hörte sich interessiert den Fahrtbericht hierzu an.

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