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eine kurze Leseprobe von "Ich bin so schön" (Erzählung)
(ISBN 3-9810365-2-2)

Sommerliche Blattsalate

Die Tage, an denen Cleo, Zoe, Cora und Caro keinen Salat aßen, waren im jahreszeitlichen Rhythmus so selten, dass sie der Aufzählung nicht lohnten. Selbst Tage, an denen sie nur einmal Salat aßen, waren rar, sodass man sagen konnte, nur Tage, an denen sie keinen Salat aßen, bedurften einer besonderen Erwähnung.

Meist waren dies Tage der Schwäche, der Niederlagen, der Frustration. Oder aber der Ausgelassenheit, die es ihnen dann ermöglichten, die restlichen Tage des Jahres, des Lebens, also die Salattage, überhaupt erst zu bewältigen. Diese wenigen Stunden rückhaltlosen Genusses, ganz gleich, worin er dann bestand, konstituierten so etwas wie ein kulinarisches Korsett, um sich mit dem letzten verschlungenen Bissen wieder der Salatexistenz bewusst zu werden, die nun die nächste Zeit wieder bestimmen würde, bis zum nächsten Exzess, der wieder bewusst machte, dass man für Stunden des Salatblattes nicht bedurfte, um wieder einen herzhaften Urbiss zu verspüren, der zeigte, warum man überhaupt Eck- und Schneidezähne besaß, und der einem beglückend offenbarte, dass dieses Leben auch kulinarisch schön sein konnte, wenn auch nur für Stunden und dann mit der dann sofort einsetzenden Reue nach dem letzten genossenen Bissen belastet.

Diese seltenen Stunden eines mediokren Glücks, denen sie nie ganz richtig trauten, wussten sie doch um die mitunter verheerenden Auswirkungen auf der Waage, sie waren es, die sie überhaupt erst zu sozialen Wesen machten, glich doch das tägliche und general-stabsmäßig betriebene Verzehren von zumeist gemischten Blattsalaten so sehr einer rituellen Handlung, die alle anderen Esser ausgrenzte, als seien die Salatesserinnen gleichsam das auserwählte Volk Gottes und der Rest der Esser tumbe Sünder, die es niemals verstünden, zu dem Kreis der dauerhaft Verzicht leistenden Frauen zu gehören, die allein dadurch einzig waren, dass sie, letztendlich gegen ihren innersten Willen, täglich Blatt um Blatt jene Schlankheitshostien zu sich nahmen, die, wenn sie dereinst eine ehrliche Lebensbilanz ziehen würden, zu nichts weiter geführt hatten, als dass sie zwar schlank blieben, aber angefüllt waren mit unerfüllten Wünschen und Hoffnungen. Letztendlich griffen deshalb so viele Schwestern der Salatblatt essenden Zunft, zumeist schwarz gekleidete "Dünnchen", immer häufiger und mit immer größerer Inbrunst zur Zigarette, gleich nach dem Essen des Salates, und saugten immer tiefer den Rauch der Zigaretten ein, als gälte es, sich für die entgangenen Freuden des Lebens schadlos zu halten, indem man sich ein Stück weit selbst zerstörte, und dem Körper das wieder nahm, was man ihm glaubte mit den Blattsalaten schenken zu können, nämlich Unversehrtheit und ewige Schönheit und Jugend.

So sehr konnten sie sich Tag um Tag rauschhaft der gemischten frühlingshaften, sommerlichen, herbstlichen oder winterlichen Blattsalate hingeben, dass ein neutraler Zuschauer zu dem Urteil gelangen konnte, hier handele es sich um das Lebensglück ansonsten zu kurz Gekommener, die wenigstens so tun durften, als seien sie glücklich damit, und die einander eine Inbrunst von Essern vorgaukelten, die sich versammelt hatten, um die ausgewählten Salate gemeinsam zu verzehren, vermischt mit Wasser aus kleinen oder großen Flaschen, die das Keusche des Vorgangs noch besser zum Ausdruck bringen und uns das Entscheidende vorenthalten sollten: die unkeuschen Gedanken.

Konnte es denn nicht sein, dass mit jedem genossenen Salatblatt die allgemeine Fleischeslust anstieg, da die Körper genau das haben wollten, was man ihnen so sorgsam vorenthielt, eben den fleischlichen Genuss, der sich nunmehr gänzlich dem männlichen Körper im Geiste zuwandte und am Ende genau deshalb des keuschen Salatblattes bedurfte, um unkeusch beim idealen Manneskörper anzulangen, der, besonders, wenn man dazu auch noch stilles Wasser trank, nicht bloß idealtypisch schön vor dem inneren Auge stand, sondern auch noch etwas Greifbares war, in das man, nach der genossenen Zigarette, am Ende vielleicht doch noch seine Zähne würde hineinschlagen können?

War das am Ende der wirkliche Grund, sich des Salatblattes zu bemächtigen, es kultisch zu überhöhen, um der tiefsten gedanklichen Fleischeslust zu frönen, indem man, Blatt urn Blatt, sich dabei der idealen männlichen Schönheit bediente, die man ja erfreulicherweise nicht zu sich nehmen musste und man daher schlank bleiben und somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte?

Waren am Ende die Frauen wieder einmal die Schlaueren?

Doch warum dann die Tage, an denen sie das Salatblatt mieden wie der Teufel das Weihwasser? Weil sie an diesen wenigen Tagen des Jahres kein Fleisch mehr vor dem inneren Auge sehen konnten, und sich die verschmähten idealen Körper der schönen Jünglinge plötzlich in gut gegrillte Steaks verwandelten, die, indem man sie aufessen konnte, es ihnen ermöglichten, einmal ganz keusche Gedanken zu haben, Bissen um Bissen, ganz gleich ob blutig, medium oder well done.

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