Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Canin Royal Adult" (Erzählungen)
(ISBN 978-3-939939-02-3)

I
Sie brachte Schuhe zum Schuster. In ihnen steckte nicht
allein das viele Geld. Auch die zahllosen Kilometer bis
zum Kauf und hunderte von Erwägungen und Bedenken.
Genau genommen, gehörten die Schuhe nicht bloß ihr und
der Bank. Sie gehörten zu ihr wie der Fluch zum Leben. Sie
repräsentierte nicht nur die Marken, diese ergaben vielmehr
einen fußläufigen Abdruck ihrer Person und ihres
Bankkontos. Sie bezahlte auch nicht allein mit ihrem guten
Namen. Der hatte bereits den von Schuhen angenommen,
so fest trat sie mit ihrer Unterschrift auf. Man meinte, den
Geruch von Leder zu riechen, wenn sie beim Kauf mit
ihrem Namen zeichnete. Sie waren Wunderwerke. Als
ginge sie mit zwei Partnern aus, wenn sie in ihre Schuhe
geschlüpft war. Ein Mann wäre auf sie eifersüchtig gewesen.
Die perfekte Passform schenkte ihr ein Glück, unabhängig
von jeder Waage, das kein Partner ihr bieten konnte.

XXVIII
Sie badeten am Ufer des Sees: die Eltern, ihre Schwester,
Mann und Sohn. Sie fotografierte ihre Lieben, die neue
Kamera brachte alles scharf ins Licht. Mammi und Papi,
den Sohn, die Schwester, alle hatte sie schon fotografiert, es
fehlte nur noch ihr Mann. Er trug seine neue rote Badehose.
„Sie steht ihm ganz gut“, befand sie und machte die
Kamera fertig. „Wie er so dasteht, das Handy am Ohr und
so gar nicht bei uns, gar nicht wirklich im Urlaub, mit der
Badehose getarnt, um scheinbar zu uns zu gehören, tatsächlich
um besser telefonieren zu können. Ein getarnter
Handyurlauber“, dachte sie, „der bei seiner Familie ist,
und dabei ganz dem Beruf gehört.“ Sie hob die Kamera, sie
hatte ihn im Visier, sie brauchte bloß noch abzudrücken.
Doch er würde nicht umfallen, stünde weiterhin eifrig telefonierend
in seiner neuen roten Badehose. „Warum soll ich
abdrücken?“ dachte sie. „Ich habe doch hunderte solcher
Fotos.“ Sie schoss sie seinerzeit auf Bali, auf Korfu, in Italien,
in Frankreich und in vielen anderen Ländern und auf
allen Kontinenten. Immer stand er in einer Badehose da.
Mal stand sie ihm besser, mal weniger gut, manchmal trug
er eine Jeans, manchmal einen Anzug. Stets aber hatte er
sein Handy am Ohr, auf jedem Urlaubsphoto. „Drücke ich
bloß immer dann ab?“, dachte sie. Nein, er telefonierte einfach
immer. Sie ließ ihre Kamera sinken. Sie wollte kein
weiteres Foto mehr von einer Badehose und einem Handy
am Ohr.

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