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eine kurze Leseprobe von "Der Fürst frühstückt" (Erzählungen)
(ISBN 978-3-9810365-9-6)

Unsere späten Tränen II

Er saß manchmal mit einem Freund im Caféhaus. Während ihrer Gespräche fiel ihm auf, dass der ältere beim Sprechen oft, in den letzten Wochen immer häufiger, mit den Lippen zitterte. Dieses Zittern war fast mehr ein Flattern der Lippen, es kam fast einem Flageoletton gleich, wie beim Spiel auf einem Streichinstrument. Es schien ihm manchmal gar, als höre er diesen hohen Ton, wenn der Freund beim Sprechen mit den Lippen flatterte.

Er achtete nun immer mehr auf das Zittern und Flattern. Sein Gegenüber zitterte mittlerweile bei allem mit den Lippen, egal, über was er sprach. Ganz gleich, ob er einer schönen Frau noch einmal mit dem Mund hinterher schmeckte. Ob er etwas ironisierte oder beklagte, stets flatterten seine Lippen.

Was hatte bei ihm zu diesem Tick geführt? Der Freund war nicht sichtbar krank. Er fuhr viel Fahrrad, wanderte viel, bewegte sich gut.

Eines Tages sprach er ihn darauf an.

Der Freund gab sich zuerst überrascht, wusste aber von seinem Tick. Er hatte ihn längst selbst bemerkt.

„Es kann sein, dass es mit meinen Erinnerungen zu tun hat. In letzter Zeit, jetzt im Alter, kommt alles wieder in mir hoch. Besonders nachts. Dann erlebe ich wieder die Bombenangriffe. Ich habe dann große Angst. Wie damals, als Kind. Wir lebten ja in Berlin. Jetzt, im Alter, da habe ich wieder diese Riesenangst. Sie lässt mich nicht los. Ich bleibe das Kind, das ich war.“

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